Maria Montessori und ihre Pädagogik

Maria Montessori war eine herausragende Persönlichkeit, die durch intensive Beobachtung ihr anvertrauter Kinder eine besondere Form der Pädagogik entwickelte, in der das Kind in den Mittelpunkt rückt. Maria Montessori wurde 1870 in Italien geboren. Sie war die erste Frau, die in Italien ein Medizinstudium absolvierte. 1907 wurde ihr erstes Kinderhaus „Casa dei bambini“ im römischen Elendsviertel San Lorenzo eröffnet. Wesentliche Erkenntnisse erlangte Maria Montessori hier in der Beobachtung der Kinder, die wichtigsten Grundsätze der Montessori-Pädagogik entstanden. Bereits ab 1909 vermittelte sie ihre Erfahrungen in Kursen in der ganzen Welt. 1936 floh Maria Montessori nach Amsterdam, 1939 reiste sie gemeinsam mit ihrem Sohn Mario nach Indien, wo beide während der Zeit des Krieges in enger Zusammenarbeit das Prinzip der „Kosmischen Erziehung“ entwickelten. 1946 kehrte Maria Montessori nach Europa zurück, ihren Lebensabend verbrachte sie in den Niederlanden, wo sie am 6. Mai 1952 im Alter von 81 Jahren starb.

Einige ausgewählte Prinzipien und Ansichtsweisen aus der Montessori-Pädagogik werden im Folgenden detailliert erläutert.

Der Selbstaufbau des Kindes

Maria Montessori prägte das Bild vom „Kind als Baumeister seiner selbst“. Das Kind entwickelt sich, indem es sich durch seine Arbeit selbst aufbaut. Dies geschieht im Prozess der Adaption, das Kind passt sich an die Zeit und an die Kultur, in die es hineingeboren wurde, an.

shutterstock_212743915Das Kind in seinen Entwicklungsstufen

Jedes Kind durchläuft bei seinem Selbstaufbau verschiedene Entwicklungsstufen, die Maria Montessori in 6-Jahres-Schritte unterteilt.

In der Zeit von 0 bis etwa 6 Jahren befindet sich das Kind in der ersten Entwicklungsperiode, das Erreichen von funktionaler, körperlicher Unabhängigkeit steht im Vordergrund. In diese Phase passt der berühmte Ausspruch eines 4-jährigen Kindes, das zu Maria Montessori sagte: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Von etwa 6 bis ungefähr 12 Jahren befindet sich das Kind in der zweiten Entwicklungsperiode. Es geht nun um das Erreichen der geistigen Unabhängigkeit. Angepasst an die Bedürfnisse dieser Periode könnte der Leitspruch nun lauten: „Hilf mir, selbst zu denken“. Von ca. 12 bis 18 Jahren dauert die dritte Entwicklungsperiode, in der es um die soziale Unabhängigkeit geht, gemäß dem Motto „Hilf mir, ich selbst zu werden“. Die vierte Entwicklungsperiode dauert von etwa 18 bis 24 Jahren. Auch diese Phase braucht der junge Mensch, bis seine Entwicklung zum „erwachsenen Erwachsenen“ abgeschlossen ist.

Gemäß dieser Entwicklungsstufen ist es wichtig, dem Kind jeweils das zu bieten, was es in seiner momentanen Entwicklungsphase benötigt. Erziehung sollte daher immer phasenspezifisch und bedürfnisorientiert, situationsbezogen und individuell ablaufen. Die Beobachtung des Kindes ist die wesentliche Voraussetzung dafür.

Polarisation der Aufmerksamkeit

Die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ ist ein Phänomen, das Maria Montessori bereits in der Arbeit mit noch sehr jungen Kindern entdeckte: Ein Kind kann bei einer selbstgewählten Arbeit, die es weder über- noch unterfordert, so sehr in seine Tätigkeit versinken, dass es in eine Phase der höchsten Konzentration kommt – und zwar so lange, bis es seine Aufgabe für sich gelöst hat. Dies kann unzählige Wiederholungen beinhalten. Wenn das Kind aus seiner Arbeit „erwacht“, ist es ausgeruht und frisch wie nach einem erholsamen Schlaf.

Freie Wahl der Arbeit

Damit die Lebenskraft lodern kann, braucht das Kind Freiheit und zwar die Freiheit der Wahl der Arbeit, der sozialen Form, des Arbeitsplatzes, der Dauer, zur Bewegung und zur Kommunikation etc. Freiheit braucht wiederum räumliche, zeitliche und soziale Rahmenbedingungen. Weshalb „Freiheit“ nicht mit „Laissez faire“ verwechselt werden darf.

Die Freiheit der Wahl innerhalb klar gesetzter Grenzen und in einer klaren zeitlichen, räumlichen und sozialen Struktur ist wesentlich zur Erreichung der Würde, was folgendes Zitat Maria Montessoris beschreibt: „Die Freiheit der Wahl führt zur Würde des Menschen.“

Vorbereitete Umgebung

gu1a2141Die richtige „Vorbereitete Umgebung“ ist ein typisches Merkmal einer gut geführten Montessori-Klasse. Von seiner Umgebung soll das Kind die Lernreize erhalten, die es für seinen Selbstaufbau benötigt. Die „Vorbereitete Umgebung“ umfasst dabei folgende Punkte: Entwicklungsmaterial (das Material, mit dem die Kinder arbeiten), Räumliche Umgebung (drinnen und draußen) und die begleitenden Personen (insbesondere Pädagoginnen).

Soziales Lernen / Kooperation

Eine Montessori-Schule ist immer ein Lebensraum für alle, die sich darin aufhalten. Wir lernen nicht nur gemeinsam, wir leben zusammen. Zum gemeinsamen Leben zählen Pflichten und Dienste, die erfüllt werden müssen. Wesentlich ist auch der soziale Aspekt des gemeinsamen Lebens. Kooperation statt Konkurrenz steht im Vordergrund. Innerhalb des Freiraums gibt es klare Strukturen, die das Zusammenleben regeln. Jedes Kind ist Individuum, aber auch Teil der Gruppe.

Die Kinder lernen, Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen, sowie die eigenen Bedürfnisse ebenso wie die der anderen zu erkennen und zu respektieren. Auch der achtsame Umgang miteinander, aber auch mit Gegenständen und Materialien gehört dazu. Die Verantwortung, die unsere Kinder lernen, gliedert sich somit in drei Hauptbereiche:

– Verantwortung für sich selbst
– Verantwortung für andere
– Verantwortung für die Umgebung